Auswärtige Unterbringung behinderter Menschen aus Dortmunder

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Diese Karte zeigt die Orte in und in der Nähe von Nordrhein-Westfalen, in denen 2010 die zum damaligen Zeitpunkt 679 ursprünglich aus Dortmund stammenden behinderten Menschen im Rahmen der Eingliederungshilfe untergebracht waren. Sie wurde erstellt nach einer vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe in der Dortmunder Arbeitsgemeinschaft “Rückkehrer” vorgelegten Liste.123 Orten waren es insgesamt, die meisten im Bereich von Münsterland, Ostwestfalen, Sauerland. Aber auch noch weit darüber hinaus.

Zu den auf der Karte dargestellten Orten müssen noch hinzugefügt werden (in Klammern die Entfernungen von Dortmund): Bad Königshofen (330Km), Bodnegg (600km), Barkelsby (450km), Esens (300km), Freising (580km), Hildesheim (260km), Löwenstein (380km), Mosbach (360km), Schweinfurt (350km), Sottrum (250km), Stuttgart (400km), Worpswede (260km).

Zur Abschiebe-Historie

Ein Blick auf die Anstaltsorte, an denen 2010 behinderte Dortmunder untergebracht waren, zeigt schon, dass viele sich in Einrichtungen finden, deren Gründung Generationen zurückliegt - bis ins 19.Jahrhundert, wie auf protestantischer Seite z.B. Bethel bei Bielefeld, in Bad Oeynhausen und EbenEzer/Lemgo  oder auf katholischer Seite z.B. Stift Tilbeck bei Münster, das St.Josefs-Heim, Bigge/Olsberg (als St.Josefs-Krüppelheim 1904 gegründet). Als einer der ersten drei epileptischen Knaben, die in die 1867 gegründeten „Von Bodelschwinghschen Anstalten Bethel“ bei Bielefeld zogen, wird z.B. ein Adolf Strate aus Dortmund in der Internet-Chronik Bethels genannt. Die diakonische Einrichtung Wittekindshof in Bad Oeynhausen war wiederum in Westfalen auf evangelischer Seite die zuständige Einrichtung für Menschen mit einer geistigen Behinderung. Da es im Ruhrgebiet eine derartige Einrichtung nicht gab, wurden die Betroffenen im Wittekindshof aufgenommen. Viele von ihnen stammten aus Dortmund.

Der Historiker Hans-Walter Schmuhl, der sich insbesondere mit der Geschichte der Diakonie beschäftigt hat, beschreibt den sich mit dem Beginn der industriellen Revolution im 19.Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts vollziehenden Prozess so: “Der Staat zog die Fürsorge für mittellose Menschen an sich und trat an die Stelle überforderter Kommunen. Die diakonischen Anstalten erhielten dadurch eine solide finanzielle Basis, was wiederum eine riesige Expansion zur Folge hatte, die allerdings kein Kennzeichen des konfessionellen, sondern des Anstaltswesens überhaupt war.”

 Nach dem 2.Weltkrieg fand das, was man oft nur als Abschiebung bezeichnen kann, unter dem beschönigenden Begriff  “Eingliederungshilfe” statt,  auch wenn  durch diese ”Eingliederung”  Verbindungen zum Herkunftsort, zu Eltern, Angehörigen, Freunden oftmals völlig gekappt wurden. Eingegliedert wurdezudem  in eine Parallelwelt; dies in der Regel ohne Aussicht, se wieder mal verlassen zu können.

Mangels Alternativen gingen hunderte behinderte Menschen den Weg von Dortmund aus in auswärtige Einrichtungen – überwiegend nach Ost-Westfalen, ins Münsterland oder Sauerland. Der Blick in die Heimrealität zeigte mal Rundumversorgung, die ja auch eine Form der Entmündigung darstellen kann, aber auch wie beim Heimkonzern Sozialwerk St Georg gerichtlich bestätigte Ausbeutung, Misshandlung, Zwangssterilisation, Medikamentenmissbrauch und Gutachterwillkür.

1986 wurden im erstmals erstellten Dortmunder Behindertenplan 1064  Dortmunder Bürgern in auswärtigen Einrichtungen belegte Heimplätze aufgeführt. Auch wenn angenommen werden durfte, dass beileibe nicht alle erfasst waren: Dies war das erste Mal, dass Zahlen öffentlich gemacht wurden. In den Folgejahren wurde allerdings nur selten die Anzahl auswärtig untergebrachter Dortmunder Bürger genannt, so z.B für 1994 die Zahl 300. Im Zuge der Aktualisierung des Dortmunder Behindertenplans wurde 2002 einmal mehr Verschleierung betrieben: bei der Ursachenforschung für auswärtige Unterbringungen kam die Sozialverwaltung nicht über eine erste Überprüfung der Aktenlage hinaus. Angegeben wurde, dass in der Mehrzahl psychisch Behinderte und Drogenabhängige betroffen waren. Das widersprach Veröffentlichungen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, denen zu Folge zum Stand 1.1.2000 von 760 im Rahmen der Eingliederungshilfe auswärtig Untergebrachten allein 436 solche mit einer geistigen Beeinträchtigung waren.

Trotz aller Proteste gegen die auswärtige Unterbringungen - Kritik an dieser Praxis kam 2002 erstmals öffentlich auch von Seiten der Wohlfahrtsverbände: Zwischen Mitte 2003 und Mitte 2006 wurden im so genannten Clearingverfahren, in dem Kostenträger, Leistungsträger und Betroffene/Angehörige/Gesetzliche Betreuer Hilfeplanung abstimmten, von 160 stationären Unterbringungen noch 64 nach außerhalb Dortmunds vorgenommen. Ende 2007 waren es immer noch 743 auswärts untergebrachte behinderte Dortmunder. Der Rückgang um ca. 300 im Vergleich zu den Zahlen aus dem Behindertenplan 1986 erklärt sich allerdings nicht dadurch, dass man begonnen hätte, den Betroffenen den Weg zurück in ihre Heimatstadt zu ebnen. Viele dürften weggestorben sein. Dazu kommt noch, dass behinderte Menschen in auswärtigen Pflegeeinrichtungen ( aus der Pflegeversicherung finanziert) nicht mehr dazugezählt wurden. Die Gesamtzahl dürfte also weit höher gelegen haben.

2010: Einrichtung einer AG Rückkehrer -Teilnehmer Landschaftsverband Westfalen-Lippe, Stadt Dortmund, Wohlfahrtsverbände und Selbsthilfe

Hatten die Verantwortlichen sich bisher hinter dem Argument verschanzt, es gebe ja unter den auswärtig Untergebrachten niemanden, der zurück nach Dortmund wolle, erklärten sie sich 2010 endlich bereit, genau dies mal nachprüfen zu lassen. Im Dortmunder Koordinierungsgremium (LWL, Stadt Dortmund, Wohlfahrtsverbände) wurde beschlossen, unter Beteiligung der Selbsthilfevereinigungen eine AG Rückkehrer einzurichten mit dem Ziel, in Zusammenarbeit mit der TU Dortmund eine Befragungsaktion auswärtig untergebrachten Dortmunder Bürgern durchzuführen.

Der Abschlußbericht des Forschungsprojekts der TU Dortmund unter dem Titel:” Lebenswelten und Heimatempfinden von Dortmunder Bürger/innen in auswärtigen Sozialräumen” liegt seit dem 16.10.2012 vor. Veröffentlicht ist er im Internetauftritt der Stadt Dortmund unter:

     http://www.dortmund.de/media/p/mb/downloads_mb/behindertenpolitischesnetzwerk/Abschlussbericht_Rueckkehrer_Stand29_10_12.pdf (zuletzt abgerufen am 9.1.2017)

Zur Durchführung der Studie siehe auch:

An dieser Stelle soll nur das Ergebnis der Befragungsaktion aus der Studie der TU Dortmund genannt werden: Ein Drittel der Befragten äußerten klar einen Rückkehrwunsch, ein Drittel war unentschieden, ein Drittel wollte nicht zurück.Was daraufhin zu geschehen habe, drückte Gunther Niermann, Geschäftsführer des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes (DPWV) Dortmund und Sprecher des Dortmunder Koordinierungsgremiums in einer Presseerklärung so aus: „Wir führen jetzt keine Phantomdebatte mehr, sondern wir haben einen klaren Auftrag.“ (RN 4.2.2014).

Wie dieser Auftrag durchgeführt wurde, dazu mehr auf der Seite:

Die Auseinandersetzung mit der Abschiebepraxis sollte sich nun nicht auf Dortmund beschränken, daher ist ein Blick auf das gesamte Gebiet des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe angebracht: