Medikamentenmißbrauch bei Demenzkranken

Titelseite

    Wir waren im Frühjahr 2010 durch Presseberichte darauf aufmerksam geworden, dass die Uni Witten/Herdecke eine Studie zur Medikamentenvergabe bei demenzkranken Menschen durchgeführt hat. Diese Studie wurde auch in einigen Dortmunder Pflegeheimen durchgeführt und kam zu dem Schluss, dass die Betroffenen rschreckend viele Medikamente bekamen, insbesondere auch Psychopharmaka. Nach Kontaktaufnahme mit Dr.Wilm (Uni Witten/Herdecke) drängten wir in einem Offenen Brief( siehe unten) darauf, dass sich die Stadt Dortmund des Themas annehme. Während die angeschriebenen Parteien sich mit Ausnahme der Grünen kaum interessierten (SPD-Fraktion: Wir reagieren grundsätzlich nicht auf offene Briefe!), hat inzwischen die Dortmunder Gesundheitskonferenz diesem Problem eine eigene Veranstaltung, zu der auch die DSH eingeladen war, gewidmet. Vereinbart wurde, zunächst verwaltungsintern zu klären, wie mit dem Thema weiter verfahren werden soll. Erst danach könnte ein Arbeitskreis der Pflegekonferenz installiert werden, der sich weiter mit dem Thema beschäftige. Über die Ergebnisse der Gesundheitskonferenz wurde auch im Sozialausschuss berichtet.

    Wie immer: Die Bürokratie mahlt langsam

    Im Mai schrieb uns Frau Sundermann/Gesundheitsamt Dortmund:

    “Die weitere Bearbeitung wird unter Federführung des Sozialamtes
    stattfinden, das mit allen Trägern der stationären Pflege in Dortmund -
    unter Nutzung bereits bestehender Arbeitszusammenhänge - in den
    entsprechenden Dialog eintreten wird bzw. bereits eingetreten ist. Mit
    Blick auf die Vielzahl der Akteure wird dieses noch etwas Zeit in Anspruch
    nehmen.”

    Auf Nachfrage teilte uns die Sozialdezernentin Frau Zoerner im Juli 2012 mit. dass “die Vorbereitungsarbeiten für eine weitere Bearbeitung  des Themas immer noch nicht abgeschlossen sind.

    Inzwischen haben wir auch erfahren, dass das Seniorenheim Alloheim in Dortmund Körne eine der Einrichtungen gewesen ist, die an der Studie beteiligt waren. Unter dem Namen “Seniorenheim Bertholdshof” hat diese Einrichtung in der Vergangenheit schon für so manche negative Schlagzeile gesorgt. Und gerade, was den Umgang mit demenzkranken Bewohnern angeht, zeigt sich dort eine drastische Verschlechterung der Zustände: erreichte man bei der MDK-Prüfung 2009 noch eine Note 1,5 (da firmierte das Heim noch unter Curata), so gab es  ein Jahr später als Alloheim-Einrichtung nur noch eine 4,7 in der MDK Prüfung vom 27.6.2011. Und bei der Notenermittlung spielte der Umgang mit Psychopharmaka noch nicht mal eine Rolle: darum kümmert sich ja keiner.

Offener Brief vom 13.11.2010 an:

Heimaufsicht Stadt Dortmund, Sozialausschuss der Stadt Dortmund, Fraktionen im Rat der Stadt Dortmund, Seniorenbeirat der Stadt Dortmund, Medizinischer Dienst der Krankenkassen, Verband der Pflegekassen NRW;  AWO, Caritas, Diakonie als Träger von Pflegeheimen, Verband der Hausärzte Westfalen-Lippe, Dortmunder Medien

Betr.:   Konsequenzen aus der Studie der Uni Witten-Herdecke zur Psychopharmaka-Vergabe  an demenzkranke Bewohner von Pflegeheimen in Dortmund

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir kommen mit diesem Anschreiben auf das Thema „übermäßige Psychopharmavergabe“ im Umgang mit Demenzkranken in Pflegeheimen zurück, das im Frühjahr 2010 nach der Veröffentlichung der Ergebnisse eines Studienprojekts der Uni Witten-Herdecke (nicht nur) in den Dortmunder Medien seinen Niederschlag fand.

Zur Erinnerung:

Durchgeführt wurde das Studienprojekt der Uni Witten/Herdecke im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit. Projektleiter Dr. Stefan Wilm – niedergelassener Arzt und Leiter des Instituts für Allgemeinmedizin und Familienmedizin an der Universität Witten/Herdecke - fand zu dem, was in den Pflegeheimen praktiziert wird, deutliche Worte:

„Dreiviertel der Bewohner, die wir in der Studie erfasst haben, wurden mit Psychopaharmaka geradezu ruhig gestellt.“ In der WR vom 8.4.2010 wird Dr.Wilm mit den Worten zitiert: “Ich bin erschrocken über den laxen Umgang mit Medikamenten.“

15 Heime in Dortmund und Witten waren in die Untersuchung einbezogen: 75% der Bewohner mit Demenz erhielten Psychopharmaka, so mancher bekam 3 und mehr Psychopharmaka was eine klare Übermedikation ist. Besonders fleißig verschreiben laut Studie Psychiater und Neurologen – sie übertreffen die Hausärzte um das Doppelte bis Vierfache bezogen auf Menge und Dosierung.

Dr. Wilm wies zudem auf das Problem gesundheitsschädlicher Wechselwirkungen hin. Im Schnitt erhielten die 160 in die Studie einbezogenen Bewohner sechs Medikamente, ein zehntel sogar mehr als 10. Das kann ein Körper nicht verarbeiten, die Wechselwirkungen stellen ein hohes Risiko dar, viele Menschen sterben gerade daran.

Nun ging es in der Studie der Uni Witten/Herdecke nicht nur darum, den missbräuchlichen Umgang mit Psychopharmaka offen zu legen, sondern auch darum, den Nachweis zu erbringen, dass durch Veränderungen in der Zusammenarbeit zwischen Pflegepersonal und Hausärzten die Vergabe von Psychopharmaka reduziert werden kann. Die Pflegenden wurden geschult im Umgang mit herausforderndem Verhalten demenzkranker Menschen; Hausärzte erhielten eine Fortbildung. Gemeinsame Bewohner bezogene Fallkonferenzen wurden eingeführt.

Das Ergebnis: In der kurzen Zeit der Studie (9 Monate) wurde die Vergabe von  Psychopharmaka von 75% auf   65% und Neuroleptika von 60% auf 50% reduziert.

  Auch die Tagesdosen weiter verabreichter Medikamente reduzierten sich. Selbst bei den nicht   direkt beteiligten Ärztegruppen( Fachärzte), gingen die Verordnungen zurück.

  All dies bei einer gleich bleibenden Lebensqualität der Bewohner, was objektiv eine Verbesserung   bedeutet.

Projektziel der Uni Witten/Herdecke war, die Lebenssituation von Menschen mit Demenz in Altersheimen entscheidend und nachhaltig zu verbessern. Um zu erfahren, wie diese Nachhaltigkeit sichergestellt werden sollte, wandte die Dortmunder Selbsthilfe sich direkt an Dr.Wilm. 10% weniger Psychopharmaka nach 9 Monaten Intervention in den Heimen ist ein Erfolg, der aber auch schnell wieder aufs Spiel gesetzt werden kann, wenn keine (universitäre) „Supervision“ mehr vorhanden ist.

Und gerade bei dieser Nachhaltigkeit hapert es gewaltig: In unserem Gespräch mit Dr.Wilm Ende September wusste er – gerade was die beteiligten Dortmunder Einrichtungen betrifft – nichts darüber zu berichten, wie die angestoßenen Veränderungen weiter wirken. Dr.Wilm bedauert dies – weil die Uni Witten/Herdecke durchaus ein Interesse daran habe, an dem Thema weiter zu arbeiten, kann sich auch eine Beteiligung in einem neu zu schaffenden oder bestehendem Dortmunder Gremium hierzu gut vorstellen.

Das setzt allerdings einen offenen Umgang gerade auch der an der Studie beteiligten Einrichtungen mit dem, was in ihren Einrichtungen mit Demenzkranken geschieht, voraus. In der Nachbarschaft Witten hat die Veröffentlichung der Studienergebnisse erheblichen Wirbel ausgelöst – zunächst zwar nur bei Ärzten und beteiligten Heimen, um sich gegen den Vorwurf des Medikamentenmissbrauchs zu verwahren. Inzwischen treffen sich allerdings einige Wittener Hausärzte, eine niedergelassene Nervenärztin und Vertreter der Pflegedienstleitungen von Wittener Alten- und Pflegeheimen zu einer regelmäßigen Gesprächsrunde, um zu einer besseren, abgestimmten Verfahrensweise im Umgang mit Psychopharmaka zu kommen.

In Dortmund rührte sich öffentlich nur die Leitung des Hermann-Keiner Hauses, von dem wir eher vermuten. dass es nicht in die Studie einbezogen war (bisher wissen wir nicht, welche Einrichtungen an der Studie beteiligt waren). Allerdings steht man als anthroposophische Einrichtung der Uni Witten/Herdecke nahe und lud deshalb Dr.Wilm zu einem Gespräch ein, an dem Pflegende, im Haus tätige Ärzte und sogar die Heimaufsicht teilnahm.

Wie die WR in ihrer Ausgabe vom 16.6.2010 berichtete, beklagte Heimleiter Dr.Zimmering, dass die Patienten schon medikamentös verseucht aus Krankenhäusern oder von zu Hause ins Heim kämen, Ärzte nicht zu erreichen seien und man einen Gesprächsabend mit Angehörigen plane. Ein solcher Termin hat gerade mit Dr.Wilm als Referenten stattgefunden.

Ansonsten herrscht zu dem brisanten Thema in Dortmund Ruhe, wohl weil die Einrichtungen im harten Konkurrenzkampf untereinander scheuen, sich öffentlich zu outen. Auch die Pflegenoten in den veröffentlichten sogenannten Transparenzberichten klammern dieses Problem aus. Angehörigen von Demenzkranken kann man nur dringend anraten, beim Pflegepersonal, Haus- oder Fachärzten die Notwendigkeit einer Psychopharmaka-Verordnung kritisch zu hinterfragen und in besonders krassen Fällen, wenn nichts anderes hilft, auch eine Strafanzeige wegen Körperverletzung in Betracht zu ziehen.

Im übrigen gilt es aber für Heimträger, zuständige Behörden und Politiker sicherzustellen

dass der in den an der Studie beteiligten Heimen erfolgreich eingeschlagene Weg fortgesetzt wird.

  • dass die Auswirkungen nach einer gewissen Zeit weiter evaluiert werden, ob das nun durch die Uni Witten/Herdecke geschieht oder auf andere Weise. 10% weniger Psychopharmaka sind letztlich auch nicht mehr als ein Anfangserfolg – betrachtet man die Nebenwirkungen, die mit den Medikamenten einhergehen.
  • dass auch in den übrigen Dortmunder Heimen der Umgang mit Demenzkranken kritisch unter die Lupe genommen wird.

Daher wenden wir uns mit diesem offenen Brief sowohl an die Träger von Pflegeheimen in Dortmund, an die städtische Heimaufsicht, die Pflegekassen, den Medizinischen Dienst, den Sozialausschuss, den Seniorenbeirat, die Fraktionen im Rat der Stadt Dortmund und an den Hausärzteverband Westfalen-Lippe e.V.

Für die Dortmunder Selbsthilfe e.V.

Dietrich Lacker