Pflegenoten

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Anfang des Jahres sah es noch so aus, als würde das ganze Benotungssystem von Alten- und Pflegeheimen eingestampft, da seine Wirkungslosigkeit längst erwiesen ist. Der Skandal um das Bonner Haus Dottendorf der Senator-Gruppe(*), das nach mehreren dubiosen Todesfällen geschlossen worden war, hatte einmal mehr deutlich gemacht, dass das Pflegenotensystem, nach dem auch Haus Dottendorf mit ”sehrgut” bewertet worden war, zu nichts taugt. Selbst die Bundes-CDU hatte sich dafür ausgesprochen, das verfehlte Bewertungssystem abzuschaffen. Dagegen wandte sich allerdings die SPD, weil die Betroffenen dann ja gar keine Orientierungshilfe mehr hätten. Aber was haben diese davon, wenn ihnen nur etwas vorgegaukelt wird, das mit der Realität in den Heimen nichts zu tun hat?

(* Die Senatorgruppe betreibt auch in Dortmund 4 Senioreneinrichtungen.)

Zum Thema auch ein Schreiben an den Medizinischen Dienst Verband der Ersatzkassen - Landesvertretung NRW, in dem die DSH die “Bewertung” Dortmunder Seniorenheime beleuchtete. Der medizinische Dienst verwies auf (unveränderbare?) bundeseinheitlich vorgegebene Verfahrensabläufe. Wenn doch wenigstens auch die Prüfberichte, die von den Prüfern an die jeweilige Heimaufsicht und zuständige Pflegekassen weitergegeben werden und als Grundlage für Maßnahmebescheide gelten, veröffentlicht würden!

Unser Schreiben vom 10.Juni 2010 an den Medizinischen Dienst der Kranken-/ Pflegekassen und an die Dortmunder Heimaufsicht

Betr.: Pflegeheim-Transparenzberichte/ Pflegenoten

Sehr geehrte Damen und Herren,

wer einen Platz in einem Dortmunder Pflegeheim sucht, kann sich seit einiger Zeit auch im Internet informieren. AOK (www.aok-gesundheitsnavi.de), BKK (www.bkk-pflege.de), Knappschaft (www.der-pflegekompass.de), Vdek (www.pflegelotse.de) bieten nicht nur einen Überblick über Heimkosten, sondern auch in sogenannten Transparenzberichten eine Bewertung der Pflegequalität. Begutachtet wird die Pflege vom Medizinischen Dienst der Kranken- und Pflegekassen. Nach den §§112-114 des Sozialgesetzbuch XI muss alle zwei Jahre geprüft werden. Die Ergebnisse müssen im Heim selbst an gut sichtbarer Stelle und im Internet veröffentlicht werden.

Es werden Noten gegeben von 1-5 (sehr gut bis mangelhaft) in vier Qualitätsbereichen: "Pflege und medizinische Betreuung"( 35 Qualitätskriterien), "Umgang mit demenzkranken Bewohnern" (10 Kriterien), "Soziale Betreuung und Alltagsgestaltung" (10 Kriterien) sowie "Wohnen, Verpflegung, Hauswirtschaft und Hygiene" (9 Kriterien). Aus diesen 64 Einzelkriterien wird eine Gesamtnote gebildet.

Bis zum Jahresende sollen aller Heime geprüft worden sein. Obwohl im Internet bisher nicht einmal die Hälfte der Dortmunder Heime mit einem Transparenzbericht erscheinen, wollen wir eine erste Bewertung dieser Prüfung durch den Medizinischen Dienst vornehmen:

Was sagen nun die vom medizinischen Dienst veröffentlichten Pflegenoten über die Wirklichkeit in Dortmunder Pflegeheimen aus?

Zu allererst gilt es festzustellen: Überprüft werden immer nur 10% der Bewohner einer Einrichtung, mindestens 5 und höchstens 15 Pflegesituationen. Das heißt, es werden Aussagen nur über einen kleinen Teil der Bewohnerschaft eines Heims getroffen.

Sodann sind die Noten Durchschnittsnoten: Schlechte Noten in einem Bereich können durch gute Noten in einem anderen ausgeglichen werden. Daher reicht es nicht aus, sich nur die Gesamtnote oder die Note in den einzelnen Qualitätsbereichen anzusehen. Man sollte sich die Transparenzberichte unbedingt vollständig anschauen, um zu einem Urteil zu kommen.

Problematisch ist überhaupt, wie die Noten zustande kommen: Wenn z.B. in einer Einrichtung bei zehn Heimbewohnern der sachgerechte Umgang mit Medikamenten geprüft wird und das Ergebnis lauten würde: bei sechs Heimbewohnern sei dieser in Ordnung, bei vieren nicht, so erhielte das Heim die Note „befriedigend“ – eine Bewertung, die Menschen, die sich anhand der Transparenzberichte über Pflegeheime informieren wollen, nur in die Irre führt.

Bei unserer Bewertung der Transparenzberichte beschränken wir in dieser Stellungnahme im Wesentlichen auf den Bereich „Pflege und medizinische Betreuung“, weil er von herausragender Bedeutung ist und zudem auch allein die eklatanten Schwächen des Pflegenoten-Bewertungssystems deutlich macht.

Der medizinische Dienst hat hier nicht nur den aktuellen Gesundheitszustand der Bewohner zu begutachten, sondern zu prüfen, ob die für die Pflege Verantwortlichen im Sinne einer vorbeugenden/aktivierenden Pflege auch die Erfassung von bestimmten Risiken vornehmen: z.B. ist bei bettlägerigen Menschen das Risiko eines Dekubitus zu prüfen, um gegebenenfalls vorbeugend tätig zu werden; weiter müssen erfasst werden Kontrakturrisiken, individuelle Ernährungsressourcen und -risiken (das gilt gleichermaßen auch für die Flüssigkeitsversorgung), Sturzrisiken, Risiken bei Vorliegen von Inkontinenz bzw. bei Verwendung von Blasenkathetern – immer im Hinblick darauf, bei entsprechendem Ergebnis auch prophylaktisch tätig werden zu können.

Im Rahmen der Pflegeplanung muss all dies schriftlich dokumentiert werden, wer das nicht tut, kriegt zu Recht schlechte Noten. Einrichtungen, die sich darüber beklagen, dass die Pflicht zur Dokumentation auf Kosten der Zeit für die Pflege selbst gehe, machen es sich da zu einfach.

Wohin es führen kann, wenn keine solche Pflegeplanung vorgenommen wird, wenn ein Heimbetreiber bei geringstem Personaleinsatz alles nur so treiben lässt, hat die Dortmunder Selbsthilfe am Beispiel des Seniorenzentrums Dortmund-Körne im Jahre Ende 1999/Anfang 2000 öffentlich gemacht:

Im Wohnbereich I fanden sich bei den untersuchten Bewohnern, besonders bei den bettlägerigen Bewohnern manifeste und oder drohende körperliche Schädigungen in den Bereichen Körperhygiene , Mund- und Zahnpflege, Mobilisation. Bei allen bettlägerigen Bewohnern fanden sich manifeste zum Teil massive oder beginnende Kontrakturen durch falsche und unsachgemäße Lagerung. In einigen Fällen war die grundpflegerische Versorgung daher nur noch unter Verabreichung von Schmerzmitteln möglich. Die Entstehungsgeschichte der Kontrakturen ist anhand der Pflegedokumentation nicht zu verfolgen. Fachlich war für die Prüfer eine derartige Entwicklung bei den Kontrakturen nicht nachzuvollziehen. Häufung von Dekubitalgeschwüren bei 16 Bewohnern. Die Antidekubitusmatratzen wurden mit zuviel Luftdruck betrieben, so dass sich ihr Nutzen ins Gegenteil verkehrte. Die Versorgung mit Flüssigkeiten war unzureichend. Es fanden sich in vielen Fällen Hautpilzinfektionen.

Gesamtbewertung durch die Heimaufsicht für Wohnbereich I: Es lag gefährliche Pflege vor. Eine aktivierende und prophylaktische pflegerische Versorgung fand nicht statt.

Um bei dem Beispiel des Körner Seniorenheims zu bleiben: Wie steht nun diese Einrichtung nach mehreren Betreiberwechseln (von Pro civitate nach Curata und nun unter dem Namen Alloheim –Curata und Alloheim firmieren unter der gleichen Düsseldorfer Adresse) im Transparenzbericht des Medizinischen Dienstes da?

Als Gesamtnote gab es eine 2,1. Im Bereich Pflege und medizinische Versorgung eine 2,3. Hört sich doch recht gut an – bei näherem Hinschauen entdecken wir aber Fünfen in den Bereichen „Durchführung von Dekubitus-Prophylaxen“ und „Erfassung des Kontrakturrisikos“. In einem aktuellen Dekubitusfall waren Ort und Entstehung der chronischen Wunde nicht nachvollziehbar.

Weitere Fünfen gab es in den Bereichen „Wird bei Bewohnern mit Ernährungssonden der Geschmackssinn angeregt?“ und “Erfolgt eine systematische Schmerzeinschätzung?“

Das heißt nicht, dass im Heim wieder solche Zustände herrschen wie 1999/200. Aber kann man in einem solchen Heim ruhigen Gewissens einen Angehörigen unterbringen? Wir sagen nein – trotz der Gesamtnote 2,1.

Weitaus schlimmer sind allerdings die Noten, die das Evangelische Altenzentrum Fritz-Heuner-Heim erhalten hat. Es gab ein Mangelhaft in allen Bereichen.

(Allerdings verwundert es nicht wenig, dass der anfangs von allen 4 Kassen ins Netz gestellte Transparenzbericht über das Fritz-Heuner-Heim inzwischen bei WWW.pflegelotse.de und www.der-pflegekompass.de verschwunden ist. Bei den beiden anderen ist er noch vorhanden. Was hat dies zu bedeuten?)

Das Theodor-Fliedner-Heim bringt es im Bereich „Pflege und medizinische Versorgung“ auf eine Note von 3,3 bei gleich acht Mal mangelhaft in Einzelbereichen. Dies zeigt den Widersinn des Benotungssystems. Im Kommentar der Einrichtung beschwört diese ihr christliches Menschenbild und dass man die Bewohner als einzigartige, freie Persönlichkeiten achte. Als ob man deshalb über alles andere hinwegsehen könnte.

Das Erna-David-Zentrum der Arbeiterwohlfahrt erreicht im Bereich „Pflege und medizinische Versorgung“ eine Note von 2,4 bei sieben Mal mangelhaft (von den 35 Einzelkriterien wurde also jede fünfte mit mangelhaft bewertet).

Bei einer Gesamtnote von 2,5 erhielt auch das Christinenstift am Eisenmarkt (Träger: Kath. St.Johannes-Gesellschaft) in Teilbereichen miserable Noten: ein Mangelhaft jeweils bei der Systematischen „Schmerzeinschätzung“, „Erfassung des individuellen Kontrakturrisikos“, „Durchführung von Kontrakturprophylaxen.

Eine 4,8 gab es im Punkt „Entspricht die Medikamentenversorgung den ärztlichen Anordnungen?“ Eine 3,9 im Punkt „Sachgerechter Umgang mit Medikamenten“.

Eine 4,1 in den Punkten „Erhalten Bewohner mit chronischen Schmerzen die verordneten Medikamente?“ Und „Werden erforderliche Maßnahmen bei Einschränkungen der selbständigen Flüssigkeitsversorgung durchgeführt?“ Wenn man weiß, wie eine Note 4 nach dem Bewertungsschema des Medizinischen Dienstes zustande kommt, muss man sich hüten, diese Note mit dem landläufig gebräuchlichen „ausreichend“ gleich zu setzen. Dies macht einmal mehr deutlich, wie irreführend das Bewertungssystem ist.

Das Kath.St.Josefinenstift erhielt bei einer Gesamtbewertung von 1,5 in den Bereichen „Erfassung des Kontrakturrisikos“ und „Durchführung der Kontrakturprophylaxe ein Mangelhaft. Dazu eine weitere 5 im Bereich “Entspricht die Medikamentenversorgung den ärztlichen Anordnungen?“

Wenn schon nur eine 1,1 als Gesamtnote erscheint, empfiehlt es sich schon, genauer hinzuschauen:

Die städtische Einrichtung Wohn- und Begegnungszentrum Zehnthof

hat z.B. eine 1,1 erreicht, auf den ersten Blick eine Super-Note. Warum war es nun keine glatte 1? Da findet sich im Qualitätsbereich 1(Pflege- und medizinische Betreuung) eine 4,4 im Punkt “Wird das individuelle Kontrakturrisiko erfasst“. Bei 13 Bewohnern wäre das Kontrakturrisiko zu prüfen gewesen. Aus den Pflegeplanungsunterlagen war allerdings nicht ersichtlich, dass dies auch geschehen ist. Eine Note 1,5 gab es für das Heim Zehnthof im Bereich „Durchführung der Kontrakturprophylaxe. Daraus muss man schließen, dass die notwendige Prophylaxe bei einem von 7 in Frage kommenden Bewohnern unterlassen worden ist. Und auch nur einer ist einer zuviel!

Gerade weil das Zustandekommen der Noten derart problematisch ist und oft eher verschleiernd wirkt, stellt sich die Frage:

Welche Konsequenzen ziehen die Pflegekassen/der Medizinische Dienst und die städtische Heimaufsicht, die eng mit dem med. Dienst zusammenarbeiten sollen, aus den festgestellten Mängeln?

Davon hört man überhaupt nichts. Will man es den „Kräften des Marktes“ überlassen, dass sich was ändert nach der Devise, es brauche sich ja niemand ein schlecht bewertetes Heim auszusuchen? Das kann nicht funktionieren, weil das Angebot an Heimplätzen schon immer der Nachfrage hinterher hinkt. Und da ist keine Besserung in Sicht, da der Anteil der älteren Bevölkerung immer weiter zunimmt.

Konkret fragen wir uns, ob der Medizinische Dienst das katastrophale Ergebnis z.B. beim Fritz-Heuner-Heim zum Anlass genommen hat, die Überprüfung über die Stichprobe hinaus auf das ganze Heim auszudehnen.

Wie wird daran gegangen, die miesen Ergebnisse in Teilbereichen Dortmunder Heime zu korrigieren? Alle zwei Jahre hat der Medizinische Dienst zu prüfen. Müssen wir nun u.U. bis 2012 warten, um dann aus den neunen Transparenzberichten zu ersehen, ob Verbesserungen eingetreten sind?

Im Falle des Körner Heimes (Pro civitate/Curata/) Alloheim stellt sich überdies die Frage, warum der unter Curata-Leitung erstellte Transparenzbericht nicht mehr in allen Pflegekassen-Webseiten zu finden ist. Alloheim steht nun bei www.pflegelotse.de ohne Transparenzbericht jungfräulich da. Könnte ja Schule machen: Ist dein Transparenzbericht nicht werbeträchtig genug, ändere den Namen und du bist ihn los!

Offensichtlich gibt es auch zwischen der Stadt Dortmund als Träger von Seniorenheimen und dem Medizinischen Dienst Unstimmigkeiten. Offiziell gibt es auf den Webseiten der Pflegekassen keinen Transparenzbericht für den städtischen Seniorenwohnsitz Westholz, obwohl die Überprüfung am 14.12.2009 erfolgte. Hat die Stadt Dortmund gegen die Veröffentlichung durch die Pflegekassen Widerspruch eingelegt, weil ihr die Benotung nicht zusagte? Wenn ja, mit welcher Begründung?

Kommen wir zur städtischen Heimaufsicht: Diese hat jede Einrichtung mindestens einmal pro Jahr zu überprüfen. Nach § 22 Abs. 3 HeimGesetz ist die Heimaufsicht verpflichtet, einen Tätigkeitsbericht zu erstellen und zu veröffentlichen.

Im Internet findet sich noch ein Bericht für die Jahre 2002-2004, nachdem die Dortmunder Selbsthilfe ihn damals angemahnt hatte. Müssen wir davon ausgehen, dass seither keiner mehr erstellt worden ist?

Insbesondere stellt sich die Frage, was die städtische Heimaufsicht, die nach dem Pflegeskandal beim Seniorenheim Dortmund-Körne 1999/2000 diese Einrichtung zur Mustereinrichtung (Sozialdezernent Pogadl) machen wollte, hat schleifen lassen, so dass der medizinische Dienst schon wieder Mangelhaft u.a. in den Bereichen „Durchführung von Dekubitus-Prophylaxen“ und „Erfassen des Kontrakturrisikos“ feststellte.

Wir bitten sowohl den Medizinischen Dienst als auch die Dortmunder Heimaufsicht um Stellungnahme zu unserem Schreiben. Wir werden unseren Text sowie Ihre Antworten auf unserer Internet-Seite veröffentlichen.

Mit freundlichen Grüßen:

Dietrich Lacker